Ich hab neulich einen Podcast gehört, wo eine Person interviewt wurde, die jahrelang extrem in der Öffentlichkeit stand, sich dann eine Weile komplett zurückgezogen hat und nun über ihre Entwicklung und ihren neuen Weg sprach.
Als ich danach in die Kommentare geschaut habe, dachte ich, ich bin im falschen Film (obwohl es mich eigentlich nicht mehr überraschen sollte). Eine absolute Welle von Vorwürfen: Gekünstelt. Unauthentisch. Alles kalkuliert. Es wurde unter anderem kritisiert, dass das Gespräch zu oberflächlich blieb und keine echte Tiefe hatte. Dass die Antworten nichtssagend und auch viel zu strategisch gewählt seien.
Das erschien mir doch ein bisschen schwarz-weiß-gedacht.
Wenn die Kommentarspalte sich einig ist
Und mir ging es nicht zum ersten Mal so. Vor einer Weile habe ich ein ähnliches Gespräch mit einer anderen Person aus der Social-Media-Welt gesehen, und da passierte in den Kommentaren genau dasselbe. Damals wie heute saß ich da und dachte: Bin ich eigentlich blind? Ist meine Menschenkenntnis so im Eimer, oder bin ich einfach unfassbar naiv, dass ich das nicht sehe?
Denn auf mich wirkten beide Gespräche überhaupt nicht unauthentisch. Weder die Art, wie sie auf ihr damaliges, erfolgreiches Leben zurückblicken, noch die Wege, die sie jetzt gehen. Ich kann die sachlichen Punkte in den Kommentaren vom Verstand her oft sogar nachvollziehen, manche Kritikpunkte stimmen ja auch. Aber dieses felsenfeste Urteil, dieses „Das ist doch alles nicht echt“, das geht mir nicht in den Kopf.
Die Sache mit dem Kalkül und dem Schutzraum
Vielleicht haben wir einfach eine völlig absurde Erwartung daran, was „authentisch“ überhaupt bedeutet.
Mir scheint es so, als wird in den Kommentarspalten verlangt, dass ein Mensch sich bitte lückenlos und fehlerfrei erklären soll. Wer sich scheinbar widerspricht oder auf eine Frage zu seiner eigenen Vergangenheit nur ein „Ich weiß es gerade selbst nicht genau“ parat hat, hat schon verloren. Und wenn jemand zögert oder sichtlich überlegt, wie viel er von sich preisgibt und in welche Richtung das Gespräch vielleicht nicht unbedingt laufen soll, gilt das sofort als strategisches Kalkül.
Aber: Ist es nicht völlig normal, dass man in einem öffentlichen Interview nicht alles unreflektiert rausposaunt? Dass man Grenzen zieht und überlegt, was man teilt und was man lieber für sich behält? Egal, wie man es macht: Irgendeiner hat am Ende immer was zu meckern.
Trotzdem hat mich die Masse an Kommentaren, die sich da so absolut einig waren, echt ins Grübeln gebracht. Ich will den Leuten dort draußen ihre Wahrnehmung ja gar nicht absprechen. Vielleicht übersehe ich ja etwas.
Dieser Text hier ist im Grunde ein Weg, mich selbst zu reflektieren. Und vielleicht auch eine Erinnerung an dich, Dinge mal wieder zu hinterfragen, statt jeden Kommentar sofort als absolute Wahrheit hinzunehmen.
Darf man sich verändern und trotzdem erfolgreich bleiben?
Da ist ja auch noch diese andere Sache, die in den Kommentaren immer wieder hochkocht. Sinngemäß heißt es da oft: „Jahrelang die Leute abgezogen, Millionen gescheffelt und jetzt auf einmal jammern. Aber das Geld behält sie gerne.“
Und ich verstehe, woher diese Wut kommt. Das ist der Punkt, an dem die Moral ins Spiel kommt. Das Internet will in so einem Fall die totale Reue sehen. Wer Mist gebaut hat, soll bitteschön den Kopf in den Sand stecken, sich ununterbrochen entschuldigen, alles Geld spenden und am besten nie wieder auftauchen. Wenn man das nicht tut und stattdessen in der Öffentlichkeit bleibt und sich quasi neu erfindet, gilt das sofort als kalkuliertes „Rebranding“. Als strategischer Schwenk, um mit einem neuen Thema die nächste Zielgruppe abzukassieren.
Aber ist das nicht der Gipfel unseres Schwarz-Weiß-Denkens? Als gäbe es nur die Wahl zwischen lebenslanger Heuchelei oder dem totalen sozialen Rückzug. Was, wenn ein Mensch die Vergangenheit aufrichtig bereuen, das System von damals heute verabscheuen kann und trotzdem nicht bereit ist, seine gesamte Existenz zu vernichten? Diese Ambivalenz ist verdammt ungemütlich. Es ist viel leichter, jemanden als gierig und fake abzustempeln, als auszuhalten, dass menschliche Entwicklung oft genau in diesen Grauzonen stattfindet.
Leben funktioniert halt nicht im Vorher-Nachher-Modus
Mir scheint, als wollen die Leute nur saubere Geschichten sehen: „Ich war schrecklich unglücklich, aber jetzt habe ich kapiert, worauf es ankommt, und ab jetzt ist alles super und ich mach alles komplett anders.“
Aber so funktioniert das doch nicht. Wenn man merkt, dass einen das Leben, das man jahrelang geführt hat, kaputtmacht, dann hat man danach eben erst mal keine neuen, fertigen Antworten. Dann eiert man rum. Vielleicht auch Jahre später noch. Und genau dieses Suchen, dieses Unfertige, ist für mich die einzig ehrliche Reaktion auf so einen massiven inneren Umbruch. Wer da sofort mit der nächsten, perfekt durchoptimierten Lebensphilosophie um die Ecke kommt, das fände ich unauthentisch.
Ursache und Wirkung verdrehen
Und dann ist da noch diese Sache mit den Diagnosen. Es wird sich in den Kommentaren total darüber hergemacht, dass ja nun plötzlich „alle“ in der Öffentlichkeit eine ADHS-Diagnose haben, sobald es bei ihnen wirtschaftlich oder reichweitenmäßig nicht mehr läuft. Das wird sofort als Marketing-Strategie oder Ausrede abgestempelt.
Aber was, wenn wir die Sache völlig falsch herum aufzäumen? Was, wenn Menschen mit ADHS viel eher Gefahr laufen, auf solchen extremen Lebenswegen zu landen? Die ständige Suche nach Reizen, die Impulsivität, das Ausreizen von Grenzen … das sind doch genau die Eigenschaften, die einen in so eine intensive, stressige Öffentlichkeit hineinkatapultieren können. Wenn es dann irgendwann zum großen Crash kommt und die Diagnose gestellt wird, dann ist das keine billige Ausrede, weil es nicht mehr läuft. Es ist einfach die logische Erklärung dafür, warum es überhaupt erst so weit gekommen ist.
Vom Spielfeldrand aus tippt es sich leicht
Es tippt sich halt verdammt leicht aus einem Alltag heraus, der seit Jahren in ruhigen, sicheren Bahnen verläuft. Wer noch nie die Erfahrung gemacht hat, sich selbst und den eigenen Alltag komplett neu sortieren zu müssen, weil das alte Leben einen innerlich aufgefressen hat, der sieht in den Widersprüchen anderer Leute eben nur Fehler. Und keine normale Entwicklung.
Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich am Ende wirklich ein bisschen zu nachsichtig mit den Leuten auf dem Bildschirm. Aber mir ist jemand, der da sitzt, über seine Fehlentscheidungen sprechen kann und zugibt, dass er manche Dinge selbst noch nicht ganz versteht, tausendmal lieber als die Menschen in den Kommentaren, die aus der Ferne verurteilen, ohne jemals in einer solchen Situation gewesen zu sein.
Bleibt ja auch die Frage, ob es sowas wie Fehlentscheidungen überhaupt gibt. Am Ende treffen wir Entscheidungen doch immer aus einem bestimmten Grund heraus, weil sie sich in genau dem Moment, mit dem damaligen Wissen, richtig angefühlt haben. Was, wenn jeder Weg – so falsch er im Rückblick auch wirken mag – einfach genau der war, den wir für unsere Entwicklung gebraucht haben?


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