Die Chan-Dao-Philosophie bringt zwei alte Gedankenwelten zusammen: den chinesischen Daoismus – also die Idee, mit dem natürlichen Fluss des Lebens zu gehen – und den Chan-Buddhismus mit seiner klaren Praxis für Achtsamkeit und Meditation.
Als der Buddhismus aus Indien nach China kam, gab es für viele indische Begriffe noch keine chinesischen Wörter. Die Menschen nutzten deshalb die Begriffe, die sie schon kannten – die des Daoismus. Aus diesem Übersetzen ist Chan entstanden: indische Meditation, ausgedrückt in der klaren Sprache Chinas.
Die drei zentralen Säulen der Chan-Dao-Lebensphilosophie
Im Kern geht es darum, das starre Ego und das ständige Eingreifen-Wollen abzulegen. Das Ziel: innere Ruhe und eine absolute Präsenz im Hier und Jetzt.
Der Weg des fließenden Wassers (Dao)
Anstatt gegen den Strom zu schwimmen, nimmst du die Dinge erst mal so hin, wie sie sind. Du bleibst flexibel und bewegst dich mit den Gegebenheiten, statt gegen sie anzukämpfen.
Man sagt dazu auch „im Einklang mit der Natur“ sein. „Natur“ meint hier aber nicht nur den Spaziergang im Wald, naturnahe Ernährung oder nachhaltigen Konsum, sondern vor allem das Konzept des Ziran.
Ziran bedeutet übersetzt so viel wie „Von-selbst-so-Sein“. Es meint die reine Eigendynamik der Welt. Es geht darum, eigene Wunschvorstellungen loszulassen und die Realität ungeschminkt so zu sehen, wie sie vor dir liegt.
Präsenz und Achtsamkeit (Chan)
Wenn du meditierst oder einfach im Moment bleibst, kannst du nicht gleichzeitig ehrgeizig sein, spekulieren oder dir Sorgen machen. Du spürst die Verbindung zu dir und der Welt genau jetzt, im unmittelbaren Augenblick.
Handeln durch Nicht-Handeln (Wu-Wei)
„Handeln durch Nicht-Handeln“ heißt nicht, dass man nichts tut. Es bedeutet, Dinge ohne Krampf zu tun. Du handelst aus einer Ruhe heraus und passt den richtigen Zeitpunkt ab.
Wu Wei beschreibt ein Handeln ohne egozentrischen Zwang. Du gehst den Weg des geringsten Widerstands. Am ehesten ist das vielleicht mit einem Flow-Zustand zu vergleichen: Dieses vollkommene Aufgehen in einer Aufgabe, bei der die Zeit einfach verfliegt. Man macht sich keine Gedanken darum, ob man gerade etwas gut oder schlecht macht oder ob es Sinn ergibt. Man macht es einfach.
Es kann aber auch bedeuten, dass du z. B. auf emotionale Ausbrüche anderer nicht anspringst. Wenn du den Konflikt klären möchtest, wartest du ab, bis die Emotion sich gelegt hat.
Praxis im Alltag: Wahrnehmen ohne Urteil
Die Chan-Dao-Philosophie beschränkt sich nicht aufs reine Meditieren. Sie findet immer da statt, wo du gerade bist: beim Teekochen, beim Gehen, am Schreibtisch oder beim Einkaufen. Statt alles sofort in „gut“ oder „schlecht“, „Erfolg“ oder „Misserfolg“ einzuteilen, beobachtest du erst mal nur. Ohne Urteil. Dieses kurze Innehalten ermöglicht dir, bewusst zu entscheiden, wie du reagieren willst. Ein konkretes Alltags-Beispiel findest du hier.
Ich bin erst vor Kurzem auf die Chan-Dao-Philosophie gestoßen und merke immer wieder, wie viele Parallelen es zu meiner eigenen Haltung und meiner Arbeit bei Menschenfieber gibt. Vieles davon habe ich schon so gehandhabt (oder es zumindest angestrebt), ohne zu wissen, dass es dafür diesen Namen gibt. Für mich stecken da richtig gute Gedanken drin, um den Alltag etwas ruhiger zu nehmen.


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