Ich musste gerade daran denken, wie ich als Kind in meinem Zimmer saß und mich fragte: „Warum bin ich eigentlich ich? Warum bin ich nicht jemand anderes? Und warum bin ich überhaupt hier? Warum hat dieser Körper mich als ich, warum hat er kein anderes ich?“
Ich wollte wirklich verstehen, warum ausgerechnet ich in diesem Leben gelandet bin. Ich glaube, ich hätte damals gerne ein anderes gehabt. Eines, in dem ich aufgeschlossener bin, beliebter. Eines, in dem ich es leichter hab. Ich weiß auch noch, dass ich damals oft gesagt habe, dass ich eigentlich „in frühere Zeiten“ gehören würde. Warum ich das sagte, wusste ich damals aber nicht.
Irgendwann, viel später, als ich mich schon eine ganze Weile mit Psychologie beschäftigt hab, habe ich erkannt, dass das eine Ich-Einsicht war. Das Erwachen des autobiografischen Selbst. Der Moment, in dem wir als Kinder zum ersten Mal kapieren, dass wir genau dieses eine Leben erwischt haben. Und kein anderes. Plötzlich begreift man: Ich bin hier drin. In diesem Körper, in dieser Familie, in dieser Zeit. Und ich komme hier nicht raus.
Wenn man sich dann in der eigenen Haut, auch in der eigenen Introvertiertheit, gerade nicht wohlfühlt, sucht das Gehirn nach Fluchtwegen. Eine andere Person, die es scheinbar leichter hat, ist so ein Ort. Oder eben „frühere Zeiten“. Die sind dann sowas wie ein intuitiver Schutzschild. Der Wunsch nach einer Welt, die sich in der Vorstellung langsamer anfühlte, weniger laut, weniger chaotisch als die Gegenwart, die mich damals wohl einfach überfordert hat.
Heute liebe ich mein Leben. Ich bin verdammt dankbar für das Heute, für die technischen Möglichkeiten, die wir haben. Auch wenn ich immer noch das Gefühl habe, ich suche mir immer die schwierigen Wege und die schwierigen Themen aus. Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen ist ebenso geblieben. Aber sie drückt nicht mehr. Inzwischen lebe ich sie, so gut es gerade geht. So wie jetzt, bei einem langsamen Kaffee.


Schreibe einen Kommentar